Da arbeitet man bei einer amerikanischen Grossfirma und denkt, dass dort die Mitarbeiter untereinander einen gewissen Grundrespekt voreinander haben. Aber denkste, einmal mehr ein Wunschdenken. Nach einer solchen Begebenheit, die heute am Mittagstisch passiert ist, bin ich froh, dass ich diese Arbeit hier nur als Studentenjob mache und nicht meine Berufung in dieser Firma gefunden habe. Ha!
Ich sitze mit meinen Arbeitskollegen friedlich an einem Tisch, meine schweizer Armbanduhr zeigt exakt 12:15 Uhr. Auf dem langen Tisch, an welchem ca. 12 Personen platz hätten, ist ein Reservationszettel. Diese Art von Zetteln findet man immer jeden Mittag irgendwo, welche einem mitteilen, dass dieser Tisch reserviert ist. Auf diesem Zettel stand: Reserviert ab 11:30 Uhr. Mit gesundem Menschenverstand und genug Erfahrung mit Reservationszetteln weiss man, dass der durchschnittliche Mitarbeiter der amerikanischen Grossfirma rund 30 Minuten an einem Tisch sitzt. Es sassen aber keine 10 Personen am Tisch. Also setzten wir uns unbekümmert. Man könnte meinen, man sei schon genug gestraft: hässliches, versalznes Essen in einer kühlen Business-Atmosphäre essen zu müssen. Doch es kam noch schlimmer. Eine Menschentraube näherte sich unserem Tisch, ca. 12 Personen, einer schaute mich, dann meinen Kollegen sehr eindringlich an. Und schwups, lag da neben uns plötzlich ein anderes Blatt. Darauf stand:
Reserviert ab 12:30 Uhr für 10 Personen.
Alle, die an unserem Tisch sassen, schauten verblüfft in die Runde. Es war 12:25 Uhr, der Tisch, der soeben von dieser frechen Menschentraube beschlagnahmt wurde, war natürlich frei gewesen, da alle anderen höflichen Mitarbeiter nicht einmal im Traum daran gedacht hätten, sich an einen reservierten Tisch zu setzen. Doch, die freche Menschentraube schon!Ich war entsetzt, noch entsetzter war ich, da wir wohl bald unseren Platz räumen mussten, da bei uns auf dem Tisch der falsche Reservationszettel lag! Ich kochte innerlich vor Wut und so wenig Respekt!
Kurz entschlossen stand ich auf, nahm den Zettel und legte ihn auf den Tisch mit der frechen Menschentraube.
„Sooo“, sagte ich. „Hier ist der Zettel, der versehentlich vertauscht wurde. Aber ich lege ihn jetzt wieder dort hin wo er hingehört.“
Der Übeltäter war sprachlos und versuchte irgendetwas zu stammeln. Er sagte dann so was wie: „Ja aber, das war unser Tisch …“
„Das können wir ja nicht wissen“, entgegnete ich, „es wäre mehr als höflich gewesen, wenn Sie uns darauf hingewiesen hätten, schliesslich sitzen da noch andere Leute und wollen auch noch fertig essen.“
Ich sagte es ganz ruhig und mit einem etwas verächtlichen Unterton.
Er versuchte sich noch zu rechtfertigen, doch ich drehte ihm den Rücken zu und lief davon.
Die Personen an meinem Tischen waren zufrieden und der böse Mensch hatte sich vor der ganzen Gruppe blamiert.


